Das Informatik-Schulbuch meiner Töchter: Werft es weg – oder schafft den Informatik-Unterricht ab, denn so kann man auch gut darauf verzichten!

Schon letztes Jahr hatte das Buch die Große, dieses Jahr meine Zweitälteste. Und dieses Jahr kann ich es einfach nicht lassen und blogge ausführlicher darüber. Das Buch “Ikarus Informatik 6/7″ von Oldenbourg ist aus dem Jahr 2004. Meine jüngere Tochter ist 12, d.h. das Buch ist zwei Jahre jünger. Das Buch wird in ihrem Informatikunterricht genutzt – an einem bay. Gymnasium, 7. Jahrgangsstufe, im Schuljahr 2014/2015.

(Anmerkung für meine österr. Leser/innen: In Deutschland ist es üblich, dass Schulbücher über Generationen von Kindern weitergereicht werden, d.h. man darf auch nichts reinschreiben und sie sind nicht als Arbeitsunterlage, sondern eher als Nachschlagewerke gestaltet. )

informatikschulbuch

Das Buch kann weg! (Es ist doch kein Geschichtsunterricht!)

Im Buch brauchen E-Mail mehrere Minuten, da gibt es Diskettenlaufwerke und Audio-CDs und es werden Remote-Access-Einstellungen abgebildet (PPP) bei denen ich in die Klamottenkiste greife, wenn ich erkläre: “Als wir das genutzt haben hingen die Rechner noch am Kabel und wenn man ins Internet wollte, hat das Modem gepiepst”. – Das Buch stammt aus einer Zeit ohne mobiles Internet, W-Lan oder Smartphones. Gut, dafür kann das Buch nichts – und auch nicht die Autoren. Hier ist die Schule bzw. der Schulträger gefragt – und auch die Lehrer: Dieses Buch muss weg, wenn man nicht die Geschichte der Informations- und Kommunikationstechnologien des letzten Jahrtausend im Unterricht thematisieren möchte.

Fehlanzeige beim Buch: Medienkompetentes Handeln

Was dann dazu kommt, sind Fehler (“Ab 100 Folien pro Sekunde hast du einen Film”) und richtig weh tut das (medien-)pädagogische Herz bei den Verhaltensregeln für das Internet: “Benutze deinen wirklichen Namen, kein Pseudonym! Seine wahre Identität hinter einem Pseudonym zu verbergen ist feige.” Hätte das nicht schon längst mal ein Lehrer im Unterricht in allen Exemplaren des Schulbuchs durchstreichen lassen müssen? (Zwar wird das für “Chat-Rooms” relativiert, aber … )

Objektorientierung. Ähm. Ja.

Objektorientierte Programmierung war in meinem Studium (ist schon ein bisschen länger her, eigentlich) gerade neu in den Einführungsveranstaltungen für Informatiker im Nebenfach wie mich. Nur wenn ich diesen Hintergrund nicht hätte: Ich würde glaube ich nicht verstehen, warum in diesem Buch ständig alles (also z.B. E-Mail, Ordnerstrukturen, …) mit Hilfe von Attributen und co. erklärt würde. Nur: Ob die Schüler/innen verstehen, warum das immer und immer wieder Thema ist, ohne dass sie eine objektorientierte Programmiersprache kennenlernen? Und ob man so leichter eine objektorientierte Sprache lernt? Ich zweifle. (andere sind auch unglücklich). Und natürlich auch hier der Hinweis: Das Buch kann an dieser Stelle vermutlich gar nichts “dafür”, die objektorientierte Programmierung ist (so denke ich, habe nicht nachgeschaut) im Lehrplan verankert.

IMG_0067


Die Informatik braucht kein Buch, v.a. nicht so ein Buch – genauso wenig wie das Fach Sport und Kunst!

Wenn ich mir das Buch ansehe, und das liegt nicht nur daran, dass es hoffnungslos veraltet ist, verstehe ich sehr gut, dass meiner Großen völliges Unverständnis der Mitschülerinnen entgegenschlägt, wenn sie sagt, dass sie gerne programmiert und Spaß an Technik hat. Für mich zeigt das Buch schön (unabhängig davon, dass es veraltet ist), wie einfach es dem System Schule gelingt, ein eigentlich cooles Thema didaktisch “aufzuarbeiten”, dass es dann einfach nur – unspannend ist. (Was natürlich keine Wertung des Informatikunterrichts selbst ist, was der Lehrer daraus macht, kann ich nicht beurteilen – ich seh NUR das Buch!) Und überhaupt: Wer braucht bitte ein Buch in der Informatik? Also: Ein Schulbuch? Gibt’s das denn im Sportunterricht? Oder in Kunst? Achso, an den Computer können die Kinder ja nicht gehen, gibt ja so wenige? Und da sind dann immer alle unruhig? Und der Lehrer kennt sich da auch nicht soo gut aus? Unterricht muss quasi mit dem Schulbuch stattfinden, weil es nicht anders geht – oder – wie?

Ihr wollt/könnt nicht auf das Schulbuch verzichten?

Ernsthaft: Dann lasst das einfach mit dem Schulfach Informatik sein. So bringt’s das auch nicht. Wenn sich Informatikunterricht im Jahr 2015 an diesem oder so einem Buch orientiert, kann man genau genommen auch gleich darauf verzichten. Weder vermittelt man damit hilfreiche Grundlagen, noch macht man Lust darauf, mit informatischen Kenntnissen die Welt zu gestalten.

(Ich hoffe natürlich, dass die “Maker Days for Kids“, die digitale offene Werkstatt, die gleich nach Ostern in Reichenhall ihre Türe öffnet, allen Mitmacher/innen Spaß macht, Lust darauf, die Welt mitzugestalten und die Neugierde für informatische Themen weckt).

P.S. Ich habe nachgesehen: Zumindest von Oldenbourg wird dieses Buch in dieser Ausgabe weiterhin zum Verkauf angeboten bzw. gibt es das Buch bei Amazon keine neuere Version zu endecken (Auflage von 2004). Ich resigniere.

Es wird spannend. Das Bündnis Freie Bildung bezieht Stellung! #oer

Ja, das BMBF in Deutschland hat im letzten Jahr 2 Millionen für OER im Jahr 2015 fixiert. Und ja, der Hamburger Senat hat gestern auch große Sprünge angekündigt, eine OER-Initiative wurde da aus dem Norden Deutschlands angekündigt. Toll!

Zeit dafür, dass sie ja auch das “Bündnis für Freie Bildung”, positioniert? Achtung, Spoiler: Ja, es ist (bald) so weit! Wahrscheinlich heute noch. Wahrscheinlich ist die Meldung schon online, wenn dieser Post online geht. Oder in Kürze. Es ist spannend :-)

bfb_spoiler

Schulinnovationen 2014 #ilike

Wenn ich mit meinen (Schul-)Kindern über Schule diskutiere, dann dreht es sich natürlich um allerlei, das man verändern könnte. (Es geht hier also weniger um meine Sicht als Bildungswissenschaftlerin, sondern die als Mutter).

Und ein paar Schulen machen das vor, was wir da auch diskutieren. Und Punkt 2 und 3 lassen sich auch gut in staatlichen Schulen realisieren. Und keiner der Punkte hat was mit Technologien zu tun ;)

  • In den Niederlanden gibt es eine Schule, bei der man Urlaub nehmen kann (weil es keine Ferien gibt) – toll bei uns, v.a. weil die Ferien bei unserer Familie eh schon kaum Überschneidungen haben – und sicher nicht zu Zeiten, in denen man zu akzeptablen Preisen verreisen kann.
  • Schulen in Hamburg, die später beginnen. 8:30 finde ich sogar ein wenig halbherzig – warum nicht gleich 9:30 für die Mittelstufe? Klar, ist nicht jeder Pubertierende ein Langschläfer (bzw. eine Nachteule), aber dann können die FrühaufsteherInnen ja die Zeit vor der Schule für Hausaufgaben – oder den Sportverein nutzen.
  • Systematisch für Veränderungen sorgen ist schwierig. Eine tolle Variante gab’s in Flensburg: Die LehrerInnen einer ganzen Schule wurden auf Fortbildung geschickt, Studierende übernahmen ihre Rolle auf Zeit. Da wäre ich gerne Mäuschen gewesen – sicher für alle eine feine (wenn auch manchmal aufregende) Sache!

Moi aussi! Je suis charlie #jesuischarlie

Zu einer freien Welt gehören Menschenrechte – und damit auch das Recht der freien Rede und der Kritik von Ideen, Organisationen, Politik und Religionen. Und ja, diese Worte und Bilder können weh tun. Zu einer freien Welt gehört auch, dass niemand (!) das Recht hat, Todesurteile zu fällen und auszuführen.

charlie

Gedrucktes Arbeitsheft beim Online-Kurs. Cool oder doof? #gol14

Als wir bei der Entwicklung des Online-Kurses “Gratis Online Lernen” das erste mal daran dachten, das Begleitmaterial zum Kurs nicht nur als PDF anzubieten, sondern auch professionell gedruckt, war der Hintergrund dass wir befürchteten, dass eben doch einige Teilnehmer/innen die Texte lieber bevorzugt gedruckt habenhätten, aber evt. keinen eigenen Drucker haben – und Download und Gang zum Copyshop auch nicht unbedingt die Sache von Einsteiger/innen ist. Wir wollten den Kurs “lebensnaher” gestalten, gerade für unsere Zielgruppe. Der Druck und die Ausgabe des Arbeitshefts soweit wie es uns möglich ist per Post oder vor Ort war für uns eine von mehreren Maßnahmen, “inverse blended learning” des reinen Online-Kurses zu betreiben.

Das gedruckte Arbeitsheft ist dabei auf Erstaunen und Wohlwollen getroffen.

So schreibt Hedwig Seipel in ihrem Weblog:

Dr. Michael Kopp, Leiter der Akademie für Neue Medien und Wissenstransfer an der Universität Graz, präsentierte #iMooX, eine Plattform auf der ausschliesslich #OER-MOOCs angeboten werden. Das ist sicher eine wichtige Tatsache, doch mich hat etwas anderes überrascht. Bei dem im Oktober startenden Online-Kurs “Gratis online Lernen” #gol14 wird es ein gedrucktes Arbeitsheft geben, das man kostenlos anfordern kann. Damit findet eine echte, haptische Verknüpfung der digitalen und analogen Lernwelten statt.

In Facebook (nur unter Freunden geteilt, daher hier anonym):

Bildschirmfoto 2014-10-02 um 21.01.17

Telefonisch wurde ich für den “Cross-Media-Ansatz” gelobt.

Wir haben damit gerechnet, dass die Idee nicht bei allen auf positive Resonanz fällt. So gibt es aber kritische Stimmen. Dass man doch nun auf Papier verzichten könne. Dass das nicht zum Online-Lernen passe. Zum Beispiel hier im Blog als Kommentar:

Bildschirmfoto 2014-10-02 um 21.05.14

Andere haben kommentiert (in Facebook) dass Papier doch nun wirklich überflüssig sei. Einen Druck finden sie doof.

Da wir fast alle unsere OER-Projekte und Vorhaben auch in unterschiedlichen Weisen drucken habe ich da fast den Eindruck, ich müsste mich verteidigen. Und wie schaut meine Verteidigung aus? Unser Papier wird weiterhin gekauft (also auch die Bücher, die ja alle auch online gratis zur Verfügung stehen) und Papier hat für Lernmaterialien auch einen Wert: Man kann die Arbeitshefte nicht einfach wegklicken. Es liegt da vor einem rum. Natürlich braucht das nicht jede/r und macht nicht jede/n glücklich. Gerade bei der Zielgrupe für “Gratis Online Lernen” halte ich das für den ganz großen Vorteil. Aber in einigen Wochen sind wir dann schlauer. :)

 

Konstruktionismus vs. Konstruktivismus

Aufbauend auf den Konstruktivismus von Piaget entwickelte dessen Doktorand Seymour Papert den Konstruktionismus. Dass es auch einen “Konstruktionismus” gibt, war mir vor einigen Monaten noch gar nicht bewusst, die neueren US-amerikanischen Entwicklungen scheinen im deutschsprachigen Europa aber allgemein nicht so unmittelbar anzukommen, ich scheine in guter Gesellschaft zu sein. Ich habe jetzt erstmal versucht, Mitchel Resnicks Wikipedia-Eintrag entsprechend zu korrigieren (aus “konstruktivistisch” soll “konstruktionistisch” werden). Ich vermute, da gibt’s aber nicht nur bei der Wikipedia zu korrigieren sondern eben an mehreren Stellen Nachholbedarf. Na, dann auf :)

Stellungnahme des “Bündnis Freie Bildung” zur “Digitalen Agenda 2014-2017″ von CDU/CSU und SPD

Gemeinsam mit anderen VertreterInnen des “Bündnis Freie Bildung” habe ich gestern eine Stellungnahme zur “Digitalen Agenda 2014-2017″ der Großen Koalition verfasst – und sie wurde bereits auch postalisch an die entsprechenden Bundesministerien versand. Daraus:

Leider stellen wir fest, dass die Agenda bisher den Themenbereich der freien und offenen (digitalen) Lehr- und Lernmaterialien gänzlich auslässt. Wir bedauern sehr, dass im Gegensatz zum Koalitionsvertrag das Thema Schulbücher und andere Lehr- und Lernmaterialen unter der Verwendung freier Lizenzen und Formatein der “Digitalen Agenda” keine Berücksichtigung mehr findet. Die unklare Ankündigung, “die Potenziale für Wissenschaft, Forschung und Bildung voll zu nutzen und dafür die urheberrechtlich zulässige Nutzung von geschützten Inhalten zu diesen Zwecken zu verbessern”, reicht hier bei weitem nicht aus.

Zum Wortlaut:

CC BY Open Knowledge Foundation Deutschland e.V. / Bündnis Freie Bildung

CC BY Open Knowledge Foundation Deutschland e.V. / Bündnis Freie Bildung

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 1.502 Followern an